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13.11. 2004

Freies Wort,

MIT SCHOTTENROCK IN DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT

Ein Dudelsack-Diplom gibt es nicht

Nick O'Tailor zog es vor, in Dunkeldeutschland zu bleiben – Seine beiden Hobbys hat der 23-jährige Zella-Mehliser zum Beruf gemacht

VON BIRGITT SCHUNK

zum Glück ist nichts geworden aus der Lehre in Bayern. Genommen hätten ihn die Alpenländer wahrscheinlich aber schon, auch wenn Nick O'Tailor aus Dunkeldeutschland kam. So sagten sie immer, wenn sie die ehemalige DDR meinten. Dass der junge Mann aus Zella-Mehlis Ahnung von Musik hatte, war den Bayern nicht verborgen geblieben.

Doch er selbst hatte so seine Zweifel, ob er auf Dauer klar kommen würde mit sich und der Welt in dem katholischen Zipfel mit all den Kruzifixen. Schließlich stand auf seinem Zeugnis, mit dem er sich beworben hatte, eine Ethik- und keine Religionsnote. Ehe es richtig ernst wurde mit der Lehrstelle macht er also kehrt und ließ den Instrumentenbauer ganz einfach Instrumentenbauer sein. Außerdem war der junge Mann ziemlich sicher, dass er ohnehin viel lieber den Instrumenten Töne entlockt, als sie zusammen zu puzzeln.

Nico Schneider im normalen Leben ohne Schottenrock

Nick O'Tailor ging zurück nach Dunkeldeutschland und lernte einen anderen "ordentlichen" Beruf. Inzwischen hat er seinen Abschluss als Grafikdesigner und hat seine beiden Hobbys die Musik und das Malen zu seinem Job gemacht.
Seit September arbeitet O'Tailor, der im richtigen Leben Nico Schneider heißt, freiberuflich. Der schottischen und irischen Musik ist er verfallen. Seit Jahren schon. Da war es nicht weit von "Schneider", der im Englischen "Tailor" heißt, zum Künstlernamen. Und den musste sich der Zella-Mehliser nicht mal selbst ausdenken, das hatten seine Mitschüler schon besorgt. Schließlich war ihnen nicht entgangen, welch außergewöhnliche Interessen ihr Kumpel hatte. Techno und die Charts ließen ihn absolut kalt. Einem Trend zu folgen, das kann er nicht ab.
Während der Klassenfahrt nach England hatte er sich eine Dudelsackflöte gekauft, auf der er fortan übte. Da war er zwölf. Optisch erinnerte die zwar kein bisschen an einen Dudelsack, doch die Töne passten haargenau. Und so konnte Nico Schneider die Griffe erlernen und Dudelsack spielen, noch bevor er überhaupt einen besaß. Den schaffte er sich erst später an.
Das Geld aus der Zivildienstzeit nach dem Abi ging drauf für die Musik. Und wenn der 23-Jährige irgendwann etwas mehr Geld übrig haben wird, dann will er sich den Schottenrock mit dem Original-Muster des Tailor-Clans kaufen. Bis dahin tut's noch der mit den Royal-Stuart-Karos von der Stange, dem bekanntesten Muster, wenn man an Schottenröcke denkt. Den hat er sich übers Internet aus Schottland kommen lassen. Sechs Meter Stoff umfasst das gute Teil.
Einen Dudelsack gibt es auch längst - einen modernen aus Goretex. Der hält ewig, hat er sich sagen lassen. Bei den klassischen Stücken ist dies schon problematischer. "Die sind aus Leder genäht und müssen immer wieder abgedichtet werden", kennt sich der Musiker aus. Da wird heißes Fett eingefüllt in den Lederbeutel und geschwenkt, bis alle Poren verschlossen sind. Das Prozedere bleibt Schneider aber erspart. In seinem Zimmer im Haus seiner Eltern in Zella-Mehlis ist der Dudelsack in guter Gesellschaft.
Mehr als ihn spielt O'Tailor eigentlich Mandoline oder Banjo, das amerikanische mit fünf Seiten und das irische, das nur vier hat. Auch eine Thüringer Waldzither hängt an der Wand. Die Griffe hat er sich alle selbst beigebracht. So wie einst sein Großvater. Als er starb, war Schneiders Vater gerade drei Jahre alt. Nico hat seinen Opa nie kennen gelernt, aber er wusste vom Erzählen her, dass der Großvater blind war, nie Noten oder Tasten sehen konnte und trotzdem als begnadeter Musiker galt. "Vielleicht habe ich ja etwas von seinem Talent geerbt. In der übernächsten Generation soll sich so etwas ja niederschlagen", hofft der 23-Jährige. Nur Gesangsunterricht nimmt er seit wenigen Wochen. "Wenn ich in den nächsten Jahren professionell arbeiten will, muss ich was für meine Stimme tun, sonst hält sie nicht durch."

Von der Natur gut ausgestattet und ein rollendes "R"

Auch hier ist er froh, dass die Natur ihn gut ausstattete und dass seine Eltern ihn in jener Ecke Deutschlands in die Welt gesetzt haben, wo man das "R" so schön rollt. Der junge Mann kann sich noch gut erinnern an einen Iren, der ihn auf Gälisch ansprach, weil er meinte, nick O'Tailor sei ein echter Landsmann. "Du spielst schottischer als ein Schotte", hat irgendwann ein anderer zu ihm gesagt. "Wenn Zella-Mehliser Englisch sprechen, hört sich das ein bisschen so an wie Irisch", hat Schneider inzwischen heraus bekommen. Ein Sachse oder ein Bayer hätten es da weit schwerer. Warum es hier solche sprachlichen Parallelen gibt, dahinter ist er noch nicht gestiegen. "Vielleicht hat das ja was mit den Kelten zu tun, denn die waren hier ja auch." Schließlich gelte der Dolmar als deren "Heiliger Berg". Schneider kennt sich nicht nur mit Musik aus, sondern auch mit Geschichte.

Mit handgemachter Musik durch die Lande


Die vielen Whisky-Flaschen auf seinem Kleiderschrank sind leer getrunken. "Mit Kumpels natürlich. Alles Geschenke", sagt nick O'Tailor. Selbst würde er sich die teuren Marken nicht kaufen. Da wäre dem Zella-Mehliser Schotten das Geld zu schade. Er ist nicht geizig, aber sparsam. Seine Euros steckt er lieber in eine neue Anlage oder den Schottenrock mit Tailor-Muster.
Für sich selbst braucht er das wenigste. Jeans und Turnschuhe halten noch ein weiteres Jahr durch und mit einem Beutel Nudeln und selbst gemachter Tomatensoße kocht er für zwei Euro zwei Mittagsmahlzeiten. In einem teuren Hotel würde er maximal absteigen, wenn er eingeladen würde. Ansonsten zieht der Musiker die Hütte im Riesengebirge oder eine Kanutour in der Wildnis Schwedens weit ab vom Schuss vor. Mallorcas volle Strände werden vergebens auf ihn warten. Und wenn das Geld bisher im Urlaub mal knapp wurde, dann stellte er sich einfach an die Straßenecke im Kilt oder mit dem Banjo und machte Musik.
In der Woche geht es bei Nico Schneider meist ruhiger zu. An den Wochenenden ist er auf Achse - mit seiner Band aus Halle, die "Seldom Sober" heißt. Das ist leicht übertrieben, denn "selten nüchtern" sind die Jungs nun wirklich nicht, wenn sie auf Tour sind. Einige Stunden auf der Bühne zu stehen, ist harte Arbeit für den Frontmann. Den Whisky gibt es erst danach. "Der Band-Name stammt aus einem Lied. Dort heißt es 'Ich bin Landstreicher, selten nüchtern' ", sagt nick O'Tailor. Und da Iren und Schotten bekanntermaßen gerne mal ein Glas trinken, passt es dann irgendwie doch wieder.
Ein bisschen Landstreicher sind sie zudem, wenn sie am Wochenende durch Deutschland touren, in Köln vor 2000 Mann in einer irischen Nacht spielen oder in kleineren Pubs zwischen Saarland und Spreewald, zu Folk-Festivals oder Kneipennächten unterwegs sind. Auch solo tritt Nico Schneider auf oder gemeinsam mit einem Schotten, der in Halle lebt. Der Mann ist flexibel.
Reich wird er nicht werden als Musiker und Grafiker, sagt er. "Das ist auch nicht mein Ziel. Spaß muss alles machen." Als Angestellter irgendwo in einem Büro wäre er wohl nicht glücklich geworden. Wahrscheinlich ist es gut so, dass er mit dem Grafikdesigner nun auch einen "ordentlichen" Beruf hat, auf den die Eltern seinerzeit gedrängt hatten. Diese künstlerische Seite entwickelt er zudem neben der Musik weiter. Ölmalerei, Aquarelle, Zeichnungen mit Feder, Bleistift oder Pastellkreide gehören zu seinem Repertoire. Seine Arbeiten hat er schon im Zella-Mehliser Rathaus ausgestellt. Musik hätte er ohnehin nicht studieren können. "Einen Diplom-Dudelsack-Abschluss oder so was Ähnliches gibt es nicht." Außerdem wäre da wohl viel zu viel Theorie dabei gewesen. Man kann auch ohne die auskommen und erfolgreich sein. Nico Schneider hat den Beweis angetreten wie viele andere auch. "Verdammt, es gibt keine Noten auf einem Banjo. Man spielt es einfach", hat ein Banjo-Spieler mal gesagt, als er gefragt wurde, ob er Noten lesen kann. Den Satz hat nick O'Tailor sich gut gemerkt. Seine Musik ist die aus dem Bauch - authentisch und handgemacht. Eben Folk.